Frankreich öffnet die Tür zum assistierten Suizid – doch selbstbestimmtes Sterben beginnt viel früher

Mit der heutigen Entscheidung hat Frankreich einen historischen Schritt vollzogen. Die französische Nationalversammlung hat ein Gesetz verabschiedet, das unter klar definierten Voraussetzungen den assistierten Suizid beziehungsweise die ärztlich unterstützte Lebensbeendigung ermöglicht. Damit reiht sich Frankreich in die Gruppe jener Länder ein, die Menschen am Lebensende unter strengen Bedingungen das Recht auf eine selbstbestimmte Entscheidung einräumen. Der Entscheid folgt einer jahrelangen gesellschaftlichen und politischen Debatte und wird die Diskussion über Würde, Freiheit und Verantwortung weiter prägen.

Auch wenn mit diesem Entscheid ein Tor zur Selbstbestimmung geöffnet wurde, dürfen wir eines nicht vergessen:

Selbstbestimmtes Sterben beginnt nicht erst an dem Tag, an dem ein Mensch über den assistierten Suizid nachdenkt.

Es beginnt oft Jahre früher.

Es beginnt mit Gesprächen.

Mit der Bereitschaft, sich der eigenen Endlichkeit zuzuwenden.

Mit dem Mut, sich zu fragen:

Wie möchte ich leben – bis zu meinem letzten Atemzug?

Selbstbestimmung ist weit mehr als die Frage nach dem Zeitpunkt des Todes

In der öffentlichen Diskussion wird selbstbestimmtes Sterben häufig auf eine einzige Entscheidung reduziert: Darf ein Mensch sein Leben mit medizinischer Unterstützung beenden?

Doch diese Frage greift zu kurz.

Selbstbestimmung bedeutet auch:

  • Wer soll Entscheidungen treffen, wenn ich selbst nicht mehr dazu in der Lage bin?
  • Welche medizinischen Massnahmen wünsche ich – und welche nicht?
  • Wo möchte ich meine letzte Lebensphase verbringen?
  • Welche Menschen sollen mich begleiten?
  • Welche unerledigten Gespräche möchte ich noch führen?
  • Wem möchte ich danken?
  • Wem vergeben?
  • Was möchte ich weitergeben?

All diese Fragen gehören ebenso zu einem selbstbestimmten Lebensende wie die medizinische Versorgung.

Ein guter Tod entsteht nicht in den letzten Stunden

Viele Menschen glauben, Sterbebegleitung beginne erst dann, wenn ein Arzt sagt: „Es bleibt nicht mehr viel Zeit.“

Unsere Erfahrung zeigt etwas anderes.

Ein guter Abschied entsteht oft lange vor dem letzten Atemzug.

Er entsteht dort, wo Menschen ihre Angelegenheiten ordnen.

Wo Familien beginnen, ehrlich miteinander zu sprechen.

Wo Ängste ausgesprochen werden dürfen.

Wo Hoffnung ihren Platz behalten darf.

Wo Palliative Care nicht als Kapitulation verstanden wird, sondern als Ausdruck höchster Lebensqualität.

Selbstbestimmung braucht Vorbereitung

Wir planen unsere Hochzeit.

Unsere Pensionierung.

Unsere Ferien.

Unser Eigenheim.

Doch über den letzten Abschnitt unseres Lebens sprechen wir erstaunlich selten.

Dabei schenkt gerade diese Vorbereitung etwas sehr Kostbares:

Ruhe.

Orientierung.

Entlastung für die Angehörigen.

Und das gute Gefühl, das eigene Leben bewusst gestaltet zu haben.

Genau deshalb setzen wir uns bei Soulsense seit vielen Jahren für den End-of-Life-Planer ein.

Nicht, weil wir den Tod beschleunigen möchten.

Sondern weil wir das Leben bis zuletzt bewusst gestalten möchten.

Die wichtigste Frage lautet vielleicht gar nicht: „Wann möchte ich sterben?“

Vielleicht lautet sie vielmehr:

Wie möchte ich leben – solange ich lebe?

Wie möchte ich lieben?

Wie möchte ich Abschied nehmen?

Wie möchte ich in Erinnerung bleiben?

Und wie kann ich dafür sorgen, dass meine Angehörigen später sagen können:

„Es war schwer. Aber es war würdevoll.“

Unsere Verantwortung als Gesellschaft

Die heutige Gesetzesänderung in Frankreich wird viele Diskussionen auslösen.

Das ist gut.

Denn jede Gesellschaft sollte sich mit den grossen Fragen des Lebens auseinandersetzen.

Doch bei aller berechtigten Debatte über assistierten Suizid dürfen wir eines nicht vergessen:

Menschen brauchen nicht nur Wahlmöglichkeiten.

Sie brauchen Begleitung.

Sie brauchen Palliative Care.

Sie brauchen psychologische Unterstützung.

Sie brauchen Zeit.

Sie brauchen Gespräche.

Sie brauchen Hoffnung.

Und vor allem brauchen sie Menschen, die bleiben.

Denn wahre Selbstbestimmung bedeutet nicht nur, über den Tod entscheiden zu können.

Sie bedeutet, bis zuletzt als Mensch gesehen, gehört und liebevoll begleitet zu werden.

Das ist vielleicht die grösste Form von Würde, die wir einander schenken können.